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Datum: 30. März 2022

Umweltmedizinisches Gutachten: Bei knapp der Hälfte der untersuchten Kinder liegen Bleiwerte über bundesweitem Referenzwert

Studienergebnisse bieten laut Landrat Dr. Alexander Saipa keinen Grund zur Schwarzmalerei

Welche Auswirkungen hat Goslars Bergbaugeschichte auf die Gesundheit von Kindern und wie hoch sind die Grundschülerinnen und -schüler in Oker und Harlingerode mit Blei und Cadmium belastet? Auf Initiative von Bürgerinnen und Bürger, der Umweltverbände sowie auf Antrag der Politik ging der Landkreis Goslar diesen Fragestellungen in enger Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesgesundheitsamt (NLGA) und dem Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig (GAA) nach. Für die Durchführung der Studie wurden Forscherinnen des Klinikums der Ludwigs-Maximilians-Universität München (LMU) beauftragt.

Insgesamt nahmen 89 Grundschulkinder und 124 Erwachsene an der sogenannten BLENCA-Studie (BLENCA steht für Blei und Cadmium) teil. Bei 48 Prozent der untersuchten Kinder, also knapp der Hälfte, haben die Forscher Bleiwerte nachgewiesen, die über den aktuellen bundesweiten Referenzwerten* (vergleiche Hintergrundinformationen) liegen. Zum Vergleich: Bundesweit liegen hingegen schätzungsweise nur 5 Prozent über diesem Referenzwert. Bei Cadmium liegen drei Prozent der Kinder oberhalb des Referenzwerts.

Bei den Erwachsenen bewegen sich die Bleiwerte bei zwölf Prozent der Probanden über dem aktuellen Referenzwert, bei Cadmium trifft dies auf sieben Prozent der Befunde zu.

Goslars Landrat Dr. Alexander Saipa macht keinen Hehl daraus, dass er sich andere Ergebnisse gewünscht hätte, die Studie gebe jedoch auch keinen Anlass, schwarz zu malen: „Im bundesweiten Vergleich sind die gemessenen Bleiwerte zwar leicht erhöht. Es wird aber eben auch gleichzeitig deutlich, dass die Bleibelastung über die zurückliegenden Jahre weiter reduziert werden konnte. Die Maßnahmen zur Bleireduktion, die erfolgreich sind, müssen aber dennoch fortgesetzt werden.“

Der Chef der Goslarer Kreisverwaltung ergänzt mit Blick auf die Resonanz auf die Studie: „Vielleicht ist vor allem den jüngeren und möglicherweise zugezogenen Bürgerinnen und Bürgern von Oker und Harlingerode die Belastungssituation und die industrielle Vergangenheit gar nicht so präsent. Aus diesem Grund werden wir auch weiterhin Aufklärungsarbeit leisten müssen, um das Problembewusstsein zu schärfen.“

Michael Hoopmann, Umweltepidemiologe beim NLGA in Hannover, erläutert bei seiner Bewertung der Studie die Bedeutung von Referenzwerten:„Ein Referenzwert wird allein nach einem statistischen Verfahren abgeleitet. Es hat damit keinen unmittelbaren Bezug zu gesundheitlichen Auswirkungen in der Bevölkerung.“ Aus der Überschreitung eines Referenzwertes kann somit auch nicht unmittelbar ein individuelles Gesundheitsrisiko abgeleitet werden.Gerade bei Blei wurden die Referenzwerte in den letzten Jahren kontinuierlich abgesenkt, da etwa durch die Einführung des bleifreien Benzins oder dem Verbot von Bleirohren in der Hausinstallation die Bleibelastung merklich zurückgegangen ist.

Professorin Dr. Katja Radon von der LMU München weist daraufhin, dass die Gründe für eine erhöhte Bleibelastung nicht ausschließlich in der Bergbau-Geschichte zu suchen sind. „Auch anderen Quellen können ursächlich für erhöhte Bleiwerte sein. Insofern sollte eine weitere Ursachenforschung in Betracht gezogen werden. Besonders bietet sich hier die Untersuchung von Trinkwasserleitungen in den Haushalten der Studienteilnehmer an. Ließen sich dort erhöhte Bleiwerte identifizieren, wäre damit ein weiteres großes Präventionspotential gegeben“, sagt die Münchner Wissenschaftlerin.

Landrat Dr. Alexander Saipa, ist es wichtig festzuhalten, dass die Ergebnisse der Studie nicht im Zusammenhang mit den aktuellen industriellen Nutzungen in Oker und Harlingerode stehen. „In den vergangenen Jahren wurde viel über die Rolle der hiesigen Industrie als umweltschädigende Emittenten diskutiert. Mit umfangreichen Untersuchungen konnte jedoch dargestellt werden, dass die Belastungen aus dem aktuellen Anlagenbetrieb nicht überproportional ausfallen und Grenzwerte nicht überschritten werden. Insofern wünsche ich mir, dass etwaige Diskussionen in diese Richtung gar nicht erst begonnen werden. Gleichwohl ist allen Beteiligten bewusst, dass die Belastungen in den Böden und Altlasten aufgrund der Industriegeschichte erhöht sind und ein kontinuierlicher Sanierungs- und Optimierungsbedarf besteht.“

Den Teilnehmenden der Studie werden die individuellen Untersuchungsergebnisse selbstverständlich separat mitgeteilt. Darüber hinaus haben sie, wie bereits erwähnt, die Möglichkeit ihr Trinkwasser untersuchen zu lassen, um herauszufinden, ob eine erhöhte Bleibelastung möglicherweise auch auf veraltete Trinkwasserleitungen zurückzuführen ist.

*Hintergrundinformationen – Referenzwerte kurz erklärt

  • Was ist ein Referenzwert?

Ein Referenzwert ist ein Vergleichswert mit einer repräsentativen Stichprobe aus der Gesamtbevölkerung.

Der Referenzwert wird von 95 Prozent aller Personen aus der Stichprobe unterschritten.

Gerade Referenzwerte für Fremdstoffe, die aus der Umwelt aufgenommen werden, müssen alle paar Jahre aktualisiert werden, um ein realistisches Bild von der aktuellen Belastung in der Bevölkerung abgeben zu können.

  • Warum wird ein Referenzwert angegeben?

Referenzwerte werden für Fremdstoffe angegeben, bei denen aus medizinischer Sicht der Gehalt im Körper möglichst niedrig sein soll.

  • Wie haben sich die Referenzwerte für Blei in der Bevölkerung mit der Zeit entwickelt?

Die Referenzwerte für Blei sind seit den 1980er Jahren kontinuierlich um rund 90 Prozent gesunken.

Auch in Oker und Harlingerode sind die Bleiwerte bei Kindern im Vergleich zu 1980 um etwa 90 Prozent gesunken.