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27.01.2022
"Die Impfung ist für alle Kinder grundsätzlich sinnvoll"


Interview mit Frau Dr. Ursula Romanski-Ortlepp, Leiterin der Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes im Gesundheitsamtes des Landkreises Goslar, zur Corona-Schutzimpfung von Kindern im Alter zwischen fünf und elf Jahren

Als Leiterin des Kinder- und Jugendärztlichen Dienstes im Gesundheitsamt des Landkreises Goslar hat Frau Dr. Romanski-Ortlepp jede Menge Erfahrung und viel Kontakt zu Kindern und Jugendlichen unterschiedlicher Altersklassen. Im Moment sorgt die Corona-Schutzimpfung für Kinder im Alter zwischen fünf bis elf Jahren, die seit Jahresende auch im Landkreis Goslar angeboten wird, bei Eltern und Erziehungsberechtigten für viele Fragezeichen und mitunter auch Verunsicherung. Im Interview schildert die Medizinerin ihre bisherigen Erfahrungen zu dem Thema und spricht sich grundsätzlich dafür aus, dass alle Kinder ab fünf Jahren, unabhängig von Vorerkrankungen, ein Impfangebot erhalten sollten. Die Entscheidung, ob dieses angenommen wird, sollte aber den Erziehungsberechtigten obliegen.

Frau Dr. Romanski-Ortlepp, wie stehen Sie ganz grundsätzlich zu der Impfung der Fünf- bis Elfjährigen. Ist in diesem Alter eine Corona-Schutzimpfung bereits sinnvoll?

Zunächst ist es ein großer Vorteil, dass wir überhaupt Impfstoff für diese Altersgruppe haben. Grundsätzlich ist die Impfung sinnvoll. Das Dilemma ist jedoch, dass wir weder für die Langzeitdaten des neuen Covid-19-Erkrankungsbildes noch für Langzeitnebenwirkungen des Impfstoffes ausreichend Daten haben. Bei den bisherigen Impfstudien, bei denen Kinder getestet wurden, ist der Impfstoff als sicher gewertet worden, wobei man natürlich seltene Nebenwirkungen vermutlich noch nicht hinreichend erfasst hat. Andererseits sind die meisten Krankheitsverläufe in diesem Alter milde, wenn auch einige schwerwiegende Fälle, wie das Pädiatrische Inflammatorische Mutliorgansyndrom (PIMS), dass bei Kindern zur Behandlung auf Intensivstation führt, gut dokumentiert sind.

Daher sollten gesundheitlich vorbelastete Kinder geschützt und geimpft werden. Bei den anderen Kindern muss eine Risiko-Nutzen-Abwägung erfolgen.

Allerdings stellt die Impfung neben den allgemeinen Hygienemaßnahmen und Kontaktbeschränkungen die mutmaßlich einzige Schutzmöglichkeit vor Langzeitschäden dar und ist daher prinzipiell sinnvoll.

Sollten irgendwelche Voraussetzungen erfüllt sein? Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Impfung ja vor allem für gesundheitlich vorbelastete Kinder.

Die Impfung ist für alle Kinder grundsätzlich sinnvoll. Wenn wir zurückblicken, lässt sich eine Parallele zu den nacheinander erweiterten Impfempfehlungen der STIKO bei den Erwachsenen erkennen. Zuerst war diese bevorzugt den chronisch-kranken und älteren Menschen angeraten worden, dann kam die Impfempfehlung für vorerkrankte Personen aus der Altersgruppe der 12-17-Jährigen –was umfangreiche Debatten auslöste - mittlerweile wird sie für alle ab 12 Jahren empfohlen. Zwar zielt die aktuelle Stiko-Empfehlung in der Altersgruppe der 5-11-Jährigen zunächst auf alle „Risikopatienten“ mit Vorerkrankungen oder für Kontaktpersonen zu Risikoangehörigen ab. Dennoch sollte nach meiner Einschätzung jedem Kind ab 5 Jahren auch ohne Risikofaktoren nach individueller Aufklärung eine Impfung angeboten werden. Die Immunogenität des Impfstoffes ist belegt.  In unserer täglichen Arbeit im Kinder-und Jugendärztlichen Dienst werden uns im Rahmen der aktuellen Schuleingangsuntersuchungen tagtäglich Kinder ab 5 Jahren vorgestellt. In zahlreichen Gesprächen mit Eltern erlebe ich dankbare Eltern, die ihren Kindern bereits mit der zweiten Impfung den Impfschutz ermöglicht haben. Andere sind noch unsicher. Die wenigsten sprechen sich generell gegen eine Impfung (dann meistens auch gegen andere Schutzimpfungen) aus.   

Wie steht es bei den Kindern nach erfolgter Impfung um den Schutz vor Ansteckungen mit dem Coronavirus. Sind Kinder dann besser geschützt, gibt es da schon Erfahrungswerte?

Geimpfte Kinder sind besser geschützt als ungeimpfte Kinder, aber nicht besser geschützt als geimpfte Erwachsene. Bei allen Ansteckungsrisiken muss man beachten, dass der Impfstoff nur bedingt vor unterschiedlichen Virusvarianten schützt.

Geimpfte Kinder sind mutmaßlich weniger infektiös als ungeimpfte Kinder und können somit einen Beitrag zum Schutz des Umfeldes sein. Ich möchte jedoch betonen, dass die Impfung der Kinder in diesem Alter nicht einen wesentlichen Einfluss auf das Pandemiegeschehen haben wird. Dieser Effekt wird durch die Impfung der älteren Bevölkerung erreicht.

Ein besserer individueller Schutz ist, abgesehen von Impfversagern, sicherlich zu erwarten. Eine Ansteckungsgefahr kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, jedoch sind dann die Erkrankungsverläufe deutlich milder. Zusätzlich zur Impfung sollten daher die Hygieneregeln weiter beachtet werden.

Kritiker der Kinderimpfungen führen vor allem ins Feld, dass Kinder viel seltener an schweren Verläufen leiden und daher überhaupt kein echter Bedarf für eine Impfung besteht? Wäre es vor diesem Hintergrund nicht vielleicht effektiver, dass die Kinder eine Immunisierung durch Ansteckung erfahren?

Gewiss ist die Impfung unter Fachleuten nicht unstrittig, da die hohe Inzidenz der Infektion einerseits und der sehr selten schwere Krankheitsverlauf andererseits insbesondere bei jüngeren Kindern weiter voneinander entfernt sind als bei Erwachsenen. Allerdings, die aktive Erkrankung als Alternative zu einer Impfung zu sehen, ist eine Variante, die das Risiko birgt, mitunter dann doch einen schweren Verlauf bzw. Langzeitschäden erleiden zu können. Hinsichtlich eines Long-Covids bei Kindern gibt es zumindest vage Daten nach einer Infektion, aber bisher noch keine Daten für Langzeitschäden nach einer Impfung. Insofern gibt es eigentlich in keiner Altersgruppe einen positiven Effekt der Infektion. Aber in der jetzigen Situation muss jedem bewusst sein, dass bei einer hohen Inzidenz die Alternative zur Impfung immer die aktive Erkrankung ist. Daher ist das Angebot des Landkreises Goslar, außer Kindern, die aufgrund einer Immunschwäche oder syndromaler Erkrankungen als Risikopatienten einzustufen sind, allen Kindern ab 5-Jahren ein Impfangebot jeden Samstag zu machen, das von Kinderärzten und geschultem Personal durchgeführt wird, sehr zu begrüßen. 

Eine Impfung ist kontrolliert möglich, eine Ansteckung jedoch nicht. Genau vor den unvorhersehbaren und langwierig schweren Verläufen soll die Impfung schützen. Das Dilemma mit fehlenden Langzeitdaten für Impfungen kann das jedoch auch nicht auflösen Jedoch jeder schwere Verlauf, der vermieden werden kann, ist meiner Meinung nach ein Gewinn für die Kinder und ihre Familien. 

Mit welchen Nebenwirkungen muss bei den Kindern nach erfolgter Impfung allgemein gerechnet werden?

Meistens werden die Impfungen gut vertragen. Natürlich können sich gelegentlich als Impfreaktionen lokale als auch systemische Nebenwirkungen zeigen, wie dies auch bei anderen Impfreaktionen oder auch von den Impfungen der Erwachsenen her bekannt ist. So treten neben Druckempfindlichkeit an der Impfstelle auch grippale Symptome auf, die relativ schnell abklingen. Das sind auch die Nebenwirkungen, die mir Eltern bereits geimpfter Kinder dieser jungen Altersklasse bisher benannt haben. Langzeitdaten gibt es jedoch noch nicht. Mittlerweile wurden mir Kinder vorgestellt, die bereits die zweite Impfung erhalten haben und deren Eltern darüber sehr froh waren.

Sollten die Kinder in die Impfentscheidung ihrer Eltern miteinbezogen werden? Bei anderen Impfungen ist das mitunter auch nicht der Fall gewesen, oder?

Entscheiden sollten die Eltern. Allerdings ist es meines Erachtens wichtig, die Kinder mit ein zu beziehen. Damit kann man sowohl Ängste als auch Nebenwirkungen vermeiden. Kinder in diesem Alter können sehr gut erfassen, wie wichtig die Impfung ist. Sie leben mittlerweile lang genug im Kindergarten- und Schulalltag mit den Besonderheiten und Einschränkungen, die die Covid-Pandemie seit März 2020 mit sich bringt.