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04.04.2018
Helfer in den schwersten Stunden


Kriseninterventionsteam wird personell erweitert / Zahl der Einsätze wächst stetig

Es reicht ein kleiner Augenblick, um das Leben für immer zu verändern. Wann immer Menschen mit dem plötzlichen Tod des Partners, eines Familienangehörigen oder Freundes konfrontiert werden, sind sie zur Stelle, die ehrenamtlichen Mitglieder des Kriseninterventionsteams (KIT) im Landkreis Goslar.

Seit 2014 ist das Team um Leiter und Initiator Christian Lenz im Kreisgebiet im Einsatz. Was mit 76 Einsätzen im Gründungsjahr begann, hat sich inzwischen auf die stolze Zahl von 150 nahezu verdoppelt. Und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. Laut Lenz, der im Hauptberuf als Rettungssanitäter bei den Kreiswirtschaftsbetrieben Goslar (KWB) arbeitet, zeigt die Kurve weiter nach oben. „Im ersten Quartal sind wir zu so vielen Einsätzen gerufen worden wie nie zuvor“, sagt der erfahrene Notfallseelsorger.

Aus diesem Grund ist der 52-Jährige auch heilfroh, dass sein Team ebenfalls wächst und ab sofort 24 Mitglieder umfasst, doppelt so viele wie bisher. „Die Einsatzzahl und –dichte hat uns an die Grenzen der Belastbarkeit gebracht. Es ist wichtig, die Arbeit von nun an auf mehrere Schultern verteilen zu können. Ansonsten wären wir mittelfristig Gefahr gelaufen, unsere Krisenhelfer sprichwörtlich zu verbrennen. Davon hätte keiner was gehabt“, sagt Lenz.

Doch bevor er seine neuen Helfer in den Einsatz schicken kann, gilt es bei den erfahrenen Kolleginnen und Kollegen zu hospitieren. „Für die nächsten zwei Monate werden die Neuen noch mitfahren, ab Juni können wir sie dann fest in unseren Dienstplänen integrieren“, blickt der 52-Jährige voraus.

Für den Job des Notfallseelsorgers muss man ausgebildet sein und auch einige, ganz persönliche Voraussetzungen erfüllen. „Die Tätigkeit im KIT setzt ganz grundsätzlich mentale Stärke und Reife voraus“, sagt Krisenseelsorger Lenz. Daher mussten die Bewerber nach erfolgreichem Abschluss der siebenmonatigen Ausbildung auch ein Auswahlverfahren durchlaufen, in denen die Ausbilder bestimmte Anforderungen überprüften, um sicherzustellen, ob der angehende Krisenseelsorger auch wirklich für die Arbeit infrage kommt.

„Menschen, die den plötzlichen Tod eines nahen Angehörigen miterlebt haben und verkraften müssen, sind oft fassungs- und ob des Verlustes hilflos. Das kann aufgrund eines Verkehrsunfalls oder auch durch einen Suizid der Fall sein. Sie stellen sich dann Fragen, wie: Was ist gerade passiert? Wie konnte das passieren? Darauf müssen wir vorbereitet sein“, skizziert Christian Lenz die Herausforderung. Die Arbeit von ihm und seinem Team ist es dann, Fragen zu beantworten, die Trauernden zu unterstützen und psychosoziale Begleitung anzubieten, wenn die Arbeit von Polizei und Rettungsdienst beendet ist. In den ersten Stunden nach dem Unglück betreuen die Krisenhelfer die Hinterbliebenen und schauen, was in der jeweiligen Situation vorrangig zu tun ist – etwa, welche weiteren Angehörigen, Freunde, aber auch Institutionen wie beispielsweise der Arbeitgeber verständigt werden müssen und welche Schritte als Nächstes erfolgen sollten. „Die Normalität, der Alltag“, weiß Lenz, „ist nach einem so schlimmen Ereignis, wie dem Tod oder der schweren Verletzung einer nahestehenden Person, zunächst einmal weg.“

Aber nicht nur unmittelbar vom Tod eines Menschen betroffene Personen finden Hilfe bei den Mitgliedern des Kriseninterventionsteams. Zeugen von schweren Verkehrsunfällen oder Unglücken – beispielsweise – brauchen ebenfalls Hilfe und Zuspruch, um das Gesehene zu verarbeiten, weiß Christian Lenz von seiner Tätigkeit zu berichten. Landrat Thomas Brych, der die neuen Krisen- und Notfallseelsorger heute ganz offiziell zum Dienstbeginn begrüßte und ihnen die Zertifikate für den erfolgreichen Abschluss der Ausbildung überreichte, ist überzeugt, dass die Arbeit des KIT inzwischen ein unverzichtbarer Bestandteil bei der Rettungsarbeit im Krisenfall ist.

Brych kennt sich aus mit derartigen Situationen. Bevor er das Amt als Landrat antrat, arbeitete er über viele Jahrzehnte bei der Polizei und hat in dieser Zeit vieles gesehen und erlebt. Deshalb hat Lenz mit seiner Idee, im Landkreis ein Kriseninterventionsteam zu bilden, bei ihm auch auf offene Türen eingerannt. „Der Schmerz und die Not, die Menschen nach dem Tod von ihnen nahestehenden Personen oder schweren Unfällen erleben, ist unfassbar groß. Sie mit diesen Gefühlen, dieser Machtlosigkeit alleine zu lassen, kann nicht unser Anspruch bestmöglicher Rettungsarbeit sein. Deshalb ist die wertvolle Arbeit der ehrenamtlichen Krisenseelsorger gar nicht hoch genug zu bewerten“, sagt Landrat Thomas Brych.

Notfallseelsorger müssen mit Stress umgehen könne, belastbar sein sowie Einfühlungsvermögen, Fingerspitzengefühl, Organisationsfähigkeit und ein gutes Gespür für Menschen und ihre Bedürfnisse mitbringen. Auf all das wird in der Ausbildung eingegangen, die von den Aspiranten neben dem Beruf gestemmt wird. „In der Ausbildung arbeiten wir viel mit Fallbeispielen“, erläutert Lenz, „trainieren bestimmte Situationen und Kommunikationsformen. Darüber hinaus befassen wir uns mit Stresstheorie und Psychotraumatologie. Und natürlich steht auch die Kooperation mit anderen Einsatzkräften auf dem Ausbildungsplan.“

Getragen wird das Kriseninterventionsteam vom Landkreis Goslar und den Kreiswirtschaftsbetrieben. Die Partner teilen sich die Kosten für die Ausbildung, die mit rund 8.000 Euro zu Buche schlägt.

Das ist Kriseninterventionsteam des Landkreises Goslar ist übrigens – zumindest in der weiteren Region – absolut einzigartig.