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Datum: 30. November 2023

Istanbul-Konvention und ihre regionale Umsetzung sind Schwerpunktthema beim Fachtag des Netzwerkes gegen häuslicher Gewalt

Drei Vorträge bieten für die 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer das Rahmenprogramm, um sich auszutauschen und zu netzwerken

Die Istanbul-Konvention und ihre Umsetzung im regionalen Kontext standen beim diesjährigen Fachtag des Netzwerkes gegen Häusliche Gewalt im Landkreis Goslar im Fokus: Drei verschiedenen Fachvorträgen im Kreistagssaal boten am Mittwoch das Rahmenprogramm für die rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, um sich während des Nachmittages zu dem Thema an Infoständen auszutauschen, zu diskutieren und zu netzwerken.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Kathrin Falkner, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Goslar, und Günther Koschig, Leiter der Goslarer Außenstelle des Weißen Rings - „Nicht nur unsere heutigen Moderatoren, sondern auch Motoren unseres Netzwerkes“, würdigte Erster Kreisrat Frank Dreßler ihr Engagement.

Bei der Begrüßung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ging Dreßler zudem darauf ein, wie sich die unterschiedlichen Rollen der Netzwerkpartner in ihrer Arbeit widerspiegeln: „Beim Landkreis Goslar spielt das Thema Häusliche Gewalt in unserer Zuständigkeit zwangsläufig eine Rolle, beispielsweise wenn es um die Arbeit des Jugendamtes geht. Dabei erleben wir immer wieder schlimme Schicksale, und sehen deutlich, welche Spuren Gewalt auf den Seelen der Betroffenen hinterlässt. Diese Erfahrungen stellen für uns einen Ansporn dar, uns dafür einzusetzen, Gewalterfahrungen zu verhindern beziehungsweise Betroffenen zu helfen“, berichtete er. Um dem Problem auf verschiedenen Ebenen zu begegnen, komme daher der Netzwerkarbeit, bei der Institutionen wie Verwaltung, Justiz, Polizei und Beratungs- und Hilfsinstitutionen miteinander kooperieren, eine entscheidende Rolle zu: „Dass wir bei der Bekämpfung von häuslicher Gewalt Schulter an Schulter arbeiten, ist ein wichtiges Signal“, so Dreßler.

Als Hauptrednerin des Fachtages war Katharina Wulf, Geschäftsführerin des Landesverbandes Frauenberatung Schleswig-Holstein e. V., eingeladen: In ihrem Vortrag „Unfair ist gefährlich: Warum es sich lohnt, die Istanbul-konvention zu kennen“ erläuterte sie die Geschichte und Inhalte der Istanbul-Konvention. Mit der Konvention hat der Europarat verbindliche Rechtsnormen geschaffen, wie Gewalt an Frauen und häusliche Gewalt verhindert und bekämpft werden können, in Deutschland ist sie im Jahr 2018 in Kraft getreten.

Dabei ging Katharina Wulf unter anderem darauf ein, wie durch die Öffnung von allgemeinen und den Ausbau von spezialisierten Hilfsdiensten der Gewaltschutz verbessert werden kann. Gleichzeitig informierte sie darüber, wie mit Hilfe von Aufklärungskampagnen und angepasster Sprache – wie durch die Vermeidung der Formulierung „Familiendrama“ - das öffentliche Bewusstsein für die Relevanz des Themas geschärft werden kann. Auf regionaler Ebene eines Landkreises sei es neben der Einbindung von Politik zudem wichtig, den Bedarf zu erfassen und auf dieser Basis Maßnahmen zu planen – dafür müsse Gleichstellung und Gewaltschutz auch im eigenen Haus der Verwaltung gelebt werden, erklärte Wulf.

Von ihren Erfahrungen, wie die konkrete Anwendung der Istanbul-Konvention in der kommunalen Arbeit aussieht, berichtete zudem Simone Semmler: Die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Salzgitter schilderte dabei, wie sie selbst die strategische Umsetzung der Leitlinie begleitete, und auf welche Hürden sie dabei auch stieß.

Vorgestellt wurde im Rahmen des Fachtages zudem die Interdisziplinären Koordinierungsstelle Häusliche Gewalt für die Region Braunschweig (iKOST), bei der auch der Landkreises Goslar ein Kooperationspartner ist: Astrid Sutor, Leiterin des Frauenhauses in Braunschweig, erläuterte, wie durch die Zusammenarbeit der 52 fachlichen Organisationen, Institutionen und Einrichtungen Expertisen gebündelt werden und durch die Synergieeffekte die Interventions- und Präventionsarbeit bei der Bekämpfung von häuslicher Gewalt verbessert wird.

„Eines haben die Vorträge mit aller Deutlichkeit gezeigt: Geschlechtsspezifische Gewalt ist Ursache und Folge ungleicher Machtstrukturen. Diskriminierungen von Frauen und die unterschiedliche Gewichtung von Leistungen, sind ein Effekt von geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungen und Ungleichheiten. Gewalt fängt in diesen Strukturen an und nicht erst mit der sichtbaren direkten körperlichen oder sexualisierten Gewalt. Um diese Strukturen zu sehen und zu verändern, braucht es eine geschlechtersensible Perspektive auf Ursachen und Maßnahmen sowie eine echte Gleichstellung von Frauen und Männern. Und damit wir uns gegen diese Problematik einsetzen können, braucht es nicht nur die vielen Akteure und Akteurinnen unseres Netzwerkes auf verschiedenen Ebenen, sondern vor allem auch die Politik als Partner“, resümiert Gleichstellungsbeauftragte Kathrin Falkner. „Unser Fachtag war ein erster Aufschlag, um für die Istanbul-Konvention und ihre Umsetzung zu sensibilisieren und Aufmerksamkeit für das Thema zu generieren – als Netzwerk verfolgen wir jetzt natürlich den Auftrag, mit den gesetzten Impulsen weiterzuarbeiten.“